Die Bahn auf privaten Schienen
Abgelegt unter: Ökonomisches, Politisches — Sebastian @ 17:37
In Großbritannien wurde in den 90er Jahren die Bahn privatisiert. Das Land dessen Dampfmaschinen ganz Europa eroberten, hat sich entschlossen die öffentliche Bahnbeförderung in private Hände zu legen und den Bahnverkehr und vor allem das dazugehörige Schienennetz getrennt zu privatisieren. Die Folge war, dass rund 25 Bahngesellschaften auf den britischen Schienen unterwegs waren (und immer noch sind), was wiederum einen Dschungel an Tarifen zur Folge hatte. Zuständigkeiten bei der Wartung waren nicht klar geregelt und letztlich hat sich keine Bahngesellschaft in der Verantwortung gefühlt, weil seit 1997 der Fahrbetrieb vom Schienennetz getrennt wurde. Verspätungen der britischen Bahn sind selbstverständlich und Fahrpläne dienen eher dazu, die Zeit des Zugwartens mit lesen zu überbrücken und davon zu träumen wie schön es wäre, wenn die Bahn pünktlich käme.
Ende der 90er folgten verheerende Unfälle! 1999 starben 31 Menschen als zwei Pendelzüge zusammenstießen. Im Jahr 2000 ereignete sich dann das Unglück von Hatfield, wo vier Menschen ums Leben kamen. Insgesamt kam es zu 22 größeren Unfällen die auf Wartungsfehler zurückzuführen sind, seit der Privatisierung.
Doch nicht nur die Sicherheit der Passagiere war durch die Privatisierung der Bahn in Gefahr. Was ursprünglich einen Geldsegen für den britischen Fiskus bringen sollte entpuppte sich alsbald als Milchmädchenrechnung. In einem Zeitraum von fünf Jahren zahlte die britische Regierung an die Bahnbetreiber umgerechnet 19 Milliarden Euro und damit mehr als je zuvor in einem Vergleichs-Zeitraum an British Rail (das alte staatliche Bahnunternehmen).
Diese Vorfälle blieben natürlich nicht folgenlos. Stimmen gegen die Privatisierung der Bahn wurden lauter und Tony Blair versprach sogar im Wahlkampf die Privatisierung komplett rückgängig zu machen. Was er jedoch nicht einhielt. 2002 meldete Railtrack Konkurs an und wurde wieder 100% verstaatlicht, trägt nun den Namen Network Rail und ist für das gesamte Schienennetz verantwortlich. Seit dem geht es wieder bergauf und Bahnfahren in Großbritannien ist nun wieder so sicher wie in ganz Europa. Was jedoch geblieben ist, ist die Verspätung, da es offensichtlich nicht zu schaffen ist, die Vielzahl an Bahngesellschaften zu koordinieren. Dennoch steigen die Briten wieder in den Zug. Der Fahrgastanteil ist seit der Wiederverstaatlichung um 45% gestiegen.
Worauf will ich eigentlich hinaus?
Ah, genau! An verschiedenen Stelle habe ich jetzt gelesen, dass das deutsche Schienennetz irgendwie (teil-)privatisiert wird. Hier zum Beispiel und hier auch und dort hab ich’s auch gesehen.
Irgendwie stell ich mir die Frage warum. Wo wir doch am Beispiel Britisch Rail sehen konnten was dabei rauskommt. Vielleicht sollte Herr Tiefensee mal wieder seine elektrischen Eisenbahn rauskramen und nicht mit der Deutschen Bahn spielen.




@17:37, ich hoffe nicht, dass damit MESZ gemeint ist.
Kommentar von Robert — 25. Juli 2007 @ 19:25
was hat das mit der bahn zu tun?
Kommentar von Sebastian — 25. Juli 2007 @ 19:42
Was soll mit 17:37 — in welcher Zeitzone auch immer — überhaupt sein? *kopfkratz*
Schöner Beitrag mit anschaulichem Beispiel. (Argentinien ist noch so eines.) So wollte ich meinen Text zu dem Thema eigentlich auch schreiben; aber es wurde nur ein breiiges Wut-Blahblah aus dem Bauch ohne Argumentationslinie draus. Aber dafür habe ich meinen geistigen Web-Mülleimer ja
Das Netz soll ja angeblich nicht privatisiert werden. Allerdings nur juristisch: Die Bahn AG soll Nutzungs- und Bewirtschaftungsrechte erhalten (also die Werte auch in ihren Bilanzen ausweisen dürfen) und dafür noch 2,5 Milliarden Euro im Jahr erhalten. Nach 15 Jahren soll der Bundestag nochmal darüber entscheiden — wobei die Verantwortlichen natürlich hoffen, dass die Staats-Phobie und Markt-Hörigkeit bis dahin _noch_ weiter um sich gegriffen hat, sodass es dann keinen Widerstand mehr dagegen gibt, das Netz und die Bahnhöfe auch noch juristisch in den Konzern (oder was dann noch davon übrig ist) einzuverleiben.
Ich finde alleine den Gedanken komisch, dass mein Ort dann von einem 5 Meter breiten und kilometerlangen Privatgrundstück durchteilt wird. Und warum soll der Staat partout keine Eisenbahnen betreiben, aber Autobahnen und Schifffahrtsstraßen? Fragen über Fragen…
Kommentar von Sebastian Zwo — 26. Juli 2007 @ 20:38
Oh es gibt jetzt auch Diskussionen auf dem fr-blog dazu.
http://www.frblog.de/privat/
Interessante Kommentare darunter.
Kommentar von Sebastian — 30. Juli 2007 @ 11:02
Erkunden Sie doch mal spielerisch die zu erwartenden Folgen der Bahnprivatisierung mit BAHNOPOLY:
http://www.campact.de/bahn/opoly/start
Kommentar von Hanfeld — 7. September 2007 @ 23:18
zu “Die Bahn braucht Geld” FR-Interview mit
Bundesverkehrsminister v.4.10.2007:
BVM Wolfgang Tiefensee hätte besser OB von Leipzig
bleiben sollen. So käme er nicht dazu, sich einer
schrägen Argumentation zu bedienen: Bahnkunden
wollen keine Privatisierung mit Vernachlässigung
von Regionalverkehr, Bahnhofsanlagen,-Gleisen usw..Schräg finde ich auch die Rechnung, daß nach “wertsteigernden Investitionen der Bahn”
der Staat (Bund) diese zu ersetzen hätte.Und noch etwas als Betroffene: die DB Services Immobilien GmbH (Frankfurt)verhandelt nicht mit uns hier in Koblenz bezüglich eines innerstädtischen Objektes, das schon 9 Jahre leer steht.Offenbar
soll es auf der Positivliste zum Börsengang erhalten bleiben, anstelle an uns für ein soziales
Projekt zum generationsübergreifenden Wohnen sofort verkauft zu werden.Spekulanten am Werk?
Christine Holzing
Kommentar von Christine Holzing — 7. Oktober 2007 @ 19:44