5. März 2007

Linux = Sozialismus?!

Abgelegt unter: Ökonomisches, Politisches, Gesellschaftliches — Sebastian @ 11:55

In Venezuela hält der Pinguin Einzug. Das Land, das den Sozialismus des 21. Jahrhunderts schaffen möchte, führt für alle öffentlichen Rechner GNU/Linux ein, wie Medien in den letzten Wochen berichteten. Dabei wird, immer wieder betont, dass diese Entscheidung politisch sei: “Weg von US-Produkten hin zu eigenen Entwicklungen”. Aber Venezuela steht mit dieser Entscheidung nicht mehr alleine da, Kuba hat vor wenigen Tagen im Beisein Stallmans (Erfinder des GNU-Projekts) bekanntgegeben, dass auch sie alle Behörden-Rechner der sozialistischen Inselrepublik von Microsoft-Software auf OpenSource-Lösungen migrieren wollen und in Brasilien wurde im Rahmen des Programms “Computador para todos” (Computer für Alle) der fünfzigtausendste Linux-PC ausgeliefert.

Linux ist längst eine greifbare Alternative zu Propritärer Software geworden und hat einen eigenen Markt geöffnet. Man bezahlt nicht mehr die Software an sich, sondern die Dienstleistung (Support) bzw. die Zusammenstellung von freier Software (Distribution) und wer sich gut auskennt und keinen Support benötigt und sich seine Softwarepakete selber zusammenstellen kann, bezahlt gar nichts. Es gibt sogar kostenlose Distributionen, komplett fertige Systeme mit sämtlicher Anwendungssoftware, die ein Standartbenutzer benötigt (Ubuntu oder Gentoo zum Beispiel).

Linux leistet Entwicklungsarbeit; in vielen Ländern der Dritten Welt werden Linux-Computer in Schulen eingesetzt, weil Microsoft-Produkte dieserorts unbezahlbar sind. Doch Linux macht auch nicht vor dem großen Business halt: Das System mit dem Pinguin-Maskottchen läuft auf einer überwältigenden Mehrheit aller Server dieser Welt. Hier überzeugt aber nicht nur der Preis, sondern vor allem die Sicherheit - mit Linux hat man nämlich erheblich weniger Probleme mit Viren und Hackerangriffen.

Quelltext in der Programmiersprache C

Nun aber zurück zur These Linux = Sozialismus. Hierfür ist zunächst ein Rückblick in die Geschichte der Freien Software notwendig.

Während in den 60er Jahren Software als Zugabe zu einem Computer verstanden wurde, damit dieser funktioniert, und der Quellcode der Software standardmäßig zum Lieferumfang gehörte, fing IBM 1969 damit an, Nutzungsbedingungen für Software auszusprechen. Software wurde nun unabhängig vom eigentlichen Computer betrachtet und als eigenstädniges Produkt gesehen. 1983 entschied sich AT&T das UNIX-Betriebssystem als Proprietäre Software (Software mit Eigentumsrechten) zu verkaufen. Für den Wissenschaftler Stallman, war nun der Punkt gekommen zu handeln. Er sah die Freiheit der Wissenschaft und die Freiheit der Computerbenutzer in Gefahr. Er kündigte seinen Job um ein UNIX zu entwickeln, das für alle frei zugänglich ist. Er sagte:

„Mit dem Verlust meiner Gemeinschaft war es unmöglich, weiterzumachen wie zuvor. Stattdessen stand ich vor einer gänzlich moralischen Entscheidung. […] Ich hätte auf diese Art Geld verdienen und mich vielleicht mit dem Schreiben von Code vergnügen können. Aber ich wusste, dass ich am Ende meiner Karriere auf Jahre zurückblicken würde, in denen ich Wände gebaut habe; Wände, welche die Menschen voneinander trennen. Ich würde dann das Gefühl haben, dass ich mein Leben damit verbracht hatte, die Welt zu einen schlechteren Ort zu machen.“

Richard Stallman: »Free« as in »free speech«, not as in »free beer«

Daraufhin hat Stallman im gleichen Jahr das GNU-Projekt (GNU = GNU’s NOT UNIX) gegründet um ein freies UNIX zu entwickeln. Um die Freiheit der Software zu ermöglichen wurde eine Lizenz geschaffen, die vorsah, dass jeder die Software kostenlos benutzen und verändern darf, aber im Gegenzug, seine Veränderungen wieder unter die selbe Lizenz stellen musste und den Quelltext frei zur Verfügung stellt. Die so genannte GNU GPL (General Public Licence) verursachte einen Schneeballeffekt in der Entwicklung. Anfang der 90er war dann eine ansehnliche und umfangreiche Softwaresammlung zusammen, doch der Kern steckte noch in den Kinderschuhen und erschwerte eine professionelle Nutzung des Systems.

Linus Torvalds

1991 begann der Student Linus Torvalds unabhängig von GNU im weitentfernten Helsiniki eine Computer-Emulation zu schreiben, um seinen Computer besser zu verstehen und sich auf die Rechner der Universität einwählen zu können. Schon bald fiel ihm auf, dass das kleine System mehr und mehr zum Betriebssystemkern wurde und stellte es im Usenet, zunächst mit dem Namen Freax, kostenlos für private Zwecke zur Verfügung und lud andere Entwickler ein, ihm bei der Weiterentwicklung zu helfen. Der Server-Administrator benannte das Verzeichnis, in dem die Software lag, einfach in Linux um und so kam das System zu seinem jetzigen Namen. Später entschied sich Torvalds, nach Rat des Administrators, Linux unter die GNU GPL zu stellen, die auch eine kommerzielle Nutzung des Systems möglich machte. Nun war der wichtigste Schritt für den Erfolg von Linux getan, denn durch die neue Linzenz war es möglich GNU und Linux zusammen zu bringen und das was heute weitläufig unter Linux bekannt ist, ist eigentlich GNU/Linux - GNU die Systemsoftware und Linux der Betriebssystemkern (Kernel).

Fotomontage des GNU- und Linux-Maskottchens

Das Revolutionäre an Linux ist aber nicht der eigentliche Quellcode, sondern die soziale Bewegung, die sich daraus entwickelt hat. Millionen von Entwicklern aus aller Welt arbeiten gemeinsam an einem System, vernetzt über das Internet; angetrieben von dem Gedanken jedem Zugang zu ermöglichen und an der Entwicklung und Nutzung teilhaben zu lassen. Globalisierung mal ganz anders. Es geht nicht darum Profite zu erzielen, sondern um das “Produkt”, um die Sache, um das Ergebnis. Aus einer Idiologie heraus ist etwas entstanden, was die IT-Welt maßgeblich auf den Kopf gestellt hat: Eine Subkultur oder gar Subgesellschaft, in der jeder der mitmacht ein Teil eines großen Ganzen ist. Das Produkt, wie auch die Idee und das Wissen des Produkts (Quelltext), werden egalitär verteilt und unterliegen einer demokratischen, pluralistischen und fast anarchischen Grundordnung. Es existieren keine Hierarchien; lediglich vor der Aufnahme einer Funktion, in den offiziellen Linux-Kern, wird entschieden, ob die entwickelte Funktion überhaupt sinnvoll ist. Wenn sie nicht aufgenommen wird, kann dennoch jeder für sich selbst entscheiden, ob er die Funktion nicht für sich privat trotzdem verwendet.

Wie das Ergebnis beeindruckend zeigt, funktioniert das System “alles für alle”. GNU/Linux vielleicht der wahre Sozialismus des 21. Jahrhunderts, zumindest in der Softwarewelt, und das völlig unabhängig von politischen Entscheidungen in Venezuela oder Kuba.

8 Kommentare »

  1. Wow, kann es sein, dass ja jemand zumindest die Zusammenfassung von „The Cathedral and the Bazaar“ gelesen hat? Eric S. Raymond beschreibt in diesem Text genau die Unterschiede zwischen klassischer (Kathedrale) und verteilter, offener Software-Entwicklung.

    Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass Linux Sozialismus ist: Torwalds: Student, Stallman: Hippie, die Adelung durch Kuba und Venezuela ;-)

    Kommentar von Robert — 5. März 2007 @ 16:57

  2. Nee, hab das Buch nicht gelesen… Zumindest nicht das ich wüsste.

    Kommentar von Sebastian — 5. März 2007 @ 18:21

  3. OK, eine totalitärer Staat (Kuba) benutzt ab sofort Linux.

    Na und, deshalb gehört das meiner Meinung noch lange nicht in die Sparte “Sozialismus”. Die Demokratie, Freiheit und Anarchie, von der du schreibst, gibt es in Kuba nicht. Und ich wüßte auch nicht, in welchem Zusammenhang das stehen soll aupßer der Tatsache, dass man dort ab sofort Linux benutzen will.

    Kommentar von Peter — 5. März 2007 @ 18:52

  4. „The Cathedral and the Bazaar“ ist kein Buch, sondern ein Essay.

    Kommentar von Robert — 5. März 2007 @ 19:06

  5. Hää? Peter hast du den Beitrag richtig gelesen?

    Kommentar von Sebastian — 5. März 2007 @ 20:38

  6. Hi Sebastian,
    du hast vollkommen recht, auch wenn Du, wie oben schon gesagt, nicht der erste bist, der darauf gekommen ist.
    Software als eigenständiges Produkt zu betrachten und zu verkaufen war von anfang an eine undurchsetzbare Idee, da, wie wir alle wissen, Software immateriell ist, und kopieren von Software nicht verhindert werden kann. Jegliche Versuche das kopieren wirksam zu verhindert steuern auf eine Art “totalitäres Softwareregime” hin, bei der Softwarefirmen versuchen zu kontrollieren was auf dem Rechner des Nutzers passieren darf und was nicht: Siehe TCPA/Palladium (NGSCB) oder die umstrittene Zwangssignierung von Treibern unter Vista/XP 64. Der Nutzer also, wenn die Plände der TCPA aufgehen, nicht mehr selbst Software produzieren kann. Auch hier passt die Analogie zum Kapitalismus, wo die Produktionsmittel nicht mehr in der Hand des Volkes sondern in den Händen einiger weniger sind. Und auch im Bereich GNU/Linux kann man erkennen, dass das Kapital “Microsoft” alles versucht diese Form von “Sozialismus” zu zerstören.
    Von der Perversion der Softwarepatente will ich gar nicht erst reden.

    Kommentar von Lennart — 6. März 2007 @ 11:43

  7. @Sebastian
    Wieso, findest du es denn so unfair, dass ich mich auf einen bestimmten Aspekt deines (übrigens gut geschriebenen) Artikels stürze, und nicht auf deine Grundaussage ?!?!

    Die Details gehören aber dazu …

    Kuba ist ne Diktatur, und keine “sozialistische Inselrepublik”. Und diese Diktatur ist auch noch dynastisch, seit kurzem. Das dortige System scheinbar ohne weiteres Nachdenken in obige Kontexte zu setzen “egalisiert” totalitäre Systeme, also das glatte Gegenteil von dem was du an Linux preist.

    Kommentar von Peter — 7. März 2007 @ 00:04

  8. Naja Kuba und Venezuela bezeichnen sich ja selbst (mehr oder weniger) als sozialistisch. Ich hab quasi am Anfang nur eine Einleitung in das Thema gesucht und so Linux mit der politischen-gessellschaftlichen Ordnung zusammen gebracht. Am Schluß schreibe ich “Linux der wahre Sozialismus […] unabhängig von politischen Entscheidungen in Kuba oder Venezuela” Womit ich Venezuela und Kuba unter Kritik stelle und sogar im umkehrschluss anzweifel, dass sie “richtig” sozialistisch sind.

    So viel zu der Textinterpretation meines eigenen Textes… ;) und danke für die Blumen.

    Aber um noch mal auf das von Lennart einzugehen: Was er schreibt stimmt natürlich. Software is immateriell. Software ist im abstrakten Sinn das Wissen darüber, wie man den Computer zu etwas bringt was man will bzw. braucht. Der Quellcode ist ein Kochrezept, um es in den Worten von Richard Stallman zu sagen, womit man eine Funktion (das fertige Essen) am Computer erstellen kann.

    Und wenn man das Wissen um diese Technologie versteckt, das Kochrezept wegschließt, weil man meint es sei geistiger Eigentum des Entwicklers, dann wird der selbe Fehler gemacht wie im Mittelalter, als die Kirche den Menschen auch viele Dinge verschwiegen hat.

    Kommentar von Sebastian — 7. März 2007 @ 14:32

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

Einen Kommentar hinterlassen

CC-Lizens: Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen